Domain-Investitionsfail aus Q1/2018

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Domain-Investitionsfail aus Q1/2018

Bei der Recherche und der Zusammenstellung des Quartalsberichtes Q1/2018 für verkaufte DE Domains ist uns ein besonderer Verkauf aus dem ersten Quartal aufgefallen: Am 4. März wechselte über Sedo die Domain Plastiche-Chirurgie-Frankfurt.de den Besitzer – und zwar zu einem stolzen Preis von rund 3.523 EUR. Die Länge des Domainnamens beträgt 29 Zeichen inklusive zweier Bindestriche. Schon beim Lesen fällt auf, dass an dem Namen irgendwas komisch ist. Auf dem zweiten Blick erkennt man nun, dass es sich hierbei um ein Tippfehler-Domain handelt. Anstatt Plastische heißt es Plastiche (es fehlt ein „s“). Es wird aber noch interessanter! Lediglich 2 Wochen vor dem Verkauf dieses Domains, nämlich bereits am 22.03.2018, wurde die Domain Plastische-Chirurgie-Frankfurt.de verkauft. Richtig gelesen… hierbei handelt es sich um die korrekte Schreibweise! Der Verkaufspreis lag mit 3.500 EUR sogar rund 23 EUR unterhalb des Tippfehler-Domain Preises! Das ist schon sehr ungewöhnlich:

Screenshot aus unserem Quartalsbericht Q1/2018 nach den beiden Domains gefiltert.

Daher recherchierten wir an dieser Stelle weiter, denn wir vermuteten, dass evlt. die übermittelten Daten der Verkäufe fehlerhaft sind. Der erste Schritt war, dass wir einfach beide Adressen einmal im Browser eingegeben haben um zu schauen, was passiert – natürlich mit der Annahme, dass das Tippfehler-Domain nicht auflöst… Umso erstaunlicher war dann, dass Plastiche-Chirurgie-Frankfurt.de tatsächlich existiert und auf eine Landing-Page bei ParkingCrew.net verweist; die Domain Plastische-Chirurgie-Frankfurt.de hingegen verweist aktuell auf eine Landing-Page bei United-Domains.de:

Handelt es sich hierbei also um einen Fall von Typosquatting, welches aktiv betrieben werden soll? Oder handelt es sich vielleicht um eine fatale Fehlinvestiton? Für den ersten Fall spricht, dass man eigentlich kein Tippfehlerdomain zu einen solch hohen Preis kauft, ohne sich vorher Gedanken über dessen Verwendung zu machen und demnach einen Plan im Hinterkopf hat. In Fällen von Tippfehlerdomains bleibt da fast nur Typosquatting übrig.
Für den zweiten Fall, also eine Fehlinvestition, könnte als Indiz die obere orange Zeile auf der Landing-Page hindeuten. Dort steht der Text nämlich teilweise in polnischer Sprache! Klickt man darauf (es steht auf Englisch „BUY NOW“ dazu) gelangt man auf die polnische Seite aftermarket.pl, worüber man mit dem Eigentümer in Kontakt treten kann.
Wurde die Domain also von einem polnischen Investor gekauft, welcher der deutschen Sprache nicht (vollständig) mächtig ist und das in der Absicht, die korrekte deutsche Schreibweise des Domains zu erwerben? Falls ja, was hat ihn dazu verleitet, anscheinend ohne weitere Recherche und damit ohne Wissen, dass die korrekte Schreibweise des Namens erst 2 Wochen vorher verkauft wurde, dieses Tippfehlerdomain zu einem solchen Preis zu kaufen?

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Typosquatting oder Fehlinvestition?

Das Tippfehlerdomain gehört tatsächlich einer Person aus unserem Nachbarland Polen, dies lässt sich durch eine WHOIS-Abfrage belegen. Der Domainname in der richtigen Schreibweise gehört lt. WHOIS wiederum einer Person aus Deutschland.

 

Weiterere Punkte, die an dieser Stelle eigentlich gegen Typosquatting sprechen sind einerseits die schiere Länge des Namens mit 29 bzw. 30 Zeichen (bei richtiger Schreibweise) und auch das darauf bezogene Fachgebiet. Hier geht es um keinen Webshop, den man „mal eben“ hinter dem Domain etablieren könnte, um dem Eigentümer des Domains mit der richtigen Schreibweise auf kurze Zeit die Kunden abzufangen (bis wahrscheinlich geklagt würde). Der Domainname zielt auf eine medizinische Nische ab, die auch noch geografisch eingeschränkt ist. Sollte es mehrere Kliniken bzw. Praxen in Frankfurt geben, die sich auf plastische Chirurgie spezialsiert haben, wird sicherlich keine davon sich ein Tippfehlerdomain aneignen. Schon gar nicht, falls man mit der richtigen Schreibweise des Domains auf eine konkurierende Seite gelangt. Tippfehler machen sich auch ganz schlecht im Marketing: Radiowerbung? Unmöglich… und Tippfehler auf einem Flyer oder in anderen Printmedien, um seriös für eine Klinik/Praxis zu werben? Kommt ebenfalls schlecht bei allen Kunden an, die man als Patienten gewinnen möchte.
Die Vermutung ist daher eher, dass es sich hier um eine absolute Fehlinvestition handeln könnte. Der Käufer des Tippfehler-Domains wird wohl auf seinen rund 3.500 EUR sitzen bleiben und hoffentlich aus dieser Erfahrung lernen.

Wir recherchieren aber an dieser Stelle weiter und versuchen Informationen direkt von den beiden aktuellen Käufern zu bekommen, die wir hier veröffentlichen werden.

Tipps zur Vermeidung solcher Fehlinvestitionen

Das Hauptproblem in dem geschilderten Fall ist sicherlich, dass die Investition in einen Domainnamen erfolgte, dessen Wörter nicht in der Muttersprache des Käufers geschrieben sind. Natürlich kann es auch einem nativen Sprecher passieren, dass er aus Versehen einen Domainnamen registriert, der einen Tippfehler enthält – das ist uns selbst schon so ergangen… Gerade bei Domains, die aus mehreren Keywörtern bestehen (wie in diesem Fall) ist die Wahrscheinlichkeit größer. Allerdings sollte man bei einer Investitionssumme im mittleren vierstelligen Bereich schon genauer recherchieren und hinsehen, vor allem bzw. gerade auch dann, wenn die Wörter nicht in der eigenen Muttersprache geschrieben sind.
Wenn das der Fall ist, muss man sich entsprechend anders behelfen. Ein einfaches Copy&Paste der einzelnen (!) Wortbestandteile in die Suchmaschine seiner Wahl reicht da oft schon aus, um Tippfehler zu erkennen. Auch Online-Übersetzer, wie bspw. Google Translate, helfen weiter und schlagen bei falsch geschriebenen Wörtnern die korrekte Schreibweise vor (siehe Screenshot mit dem aktuellen Beispiel). In beiden Fällen ist wichtig, dass man die Wörter aus dem Verkaufsangebot kopiert und nicht selbst abtippt, oft schreibt man nämlich umgangssprachliche Wörter intuitiv richtig und erkennt so den Tippfehler im Domain nicht.
Schwieriger wird es allerdings dann, wenn die Schreibweise zwar korrekt ist, aber die Wörter ungebräuchlich im alltäglichen Sprachgebrauch sind. Auch dann kann sich eine vermeintlich gute Investition als Fehler herausstellen. Hier hilft bspw. ein gutes Netzwerk von anderen Domainern, welche native Sprecher in der jeweiligen Sprache sind.

Beitragsbild: „Ich kaufe ein s und möchte lösen…“

 

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